Thinking Circular: Kreislaufwirtschaft vorantreiben

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Kreislaufwirtschaft vorantreiben

Circular Economy ist in aller Munde. Aber was genau ist damit gemeint? Was sind die Chancen, was die Herausforderungen? Wir haben mit Eveline Lemke von Thinking Circular gesprochen und die „perfekte Kreislaufwirtschaft“ unter die Lupe genommen:

Thinking Circular im Interview
AZ Region / Eveline Lemke im Redaktionsgespräch Foto: Sascha Kopp

Redaktion: Die perfekte Kreislaufwirtschaft – das klingt nacheinem Kreislauf, in dem alle Rohstoffe wiederverwendet werdenkönnen. Ist das realistisch oder eine Vision?

Eveline Lemke: Das ist definitiv eine Vision. Aber sie ist zentral für das, was wir tun und leitet uns strategisch. Derzeit pusten wir Abfälle durch C02 in die Atmosphäre, wenn wir Müll verbrennen. Wie irre ist das eigentlich? Die Idee der Abfallverbrennung war, giftige Stoffe aus dem Umlauf zu ziehen, damit wir die Umwelt und uns Menschen davor schützen. Durch die Mengen,
die wir verbrennen, trägt die Wegwerfgesellschaft aber extrem zum Klimawandel bei. Strategisch muss das Abschalten von Müllverbrennungsanlagen wie der Atom- oder der Kohleausstieg unser Ziel sein. Die Vision einer Welt ohne Abfall ist schon längst für uns Menschen auf diesem Planeteneine überlebensnotwendige Strategie. Leider haben das noch nicht alle erkannt. Wir arbeiten an dieser Erkenntnis.

Redaktion: Vieles ist also bereits möglich, aber es bedarf grüner Innovationen, um eine Welt ohne Abfall zu etablieren. Wie kann dieses Ziel erreicht werden?

Eveline Lemke: Klarheit über Ursachen und Wirkungen sind die Voraussetzung. Hier hilft uns die Wissenschaft. Die Corona-Krise zeigt uns, dass systemisches Denken und Analysen unabdingbar sind, um effektive Maßnahmen zu ergreifen. Und wir erfahren gerade wieder, dass Bürger die politischen Entscheidungen mitgehen, auch wenn sie dadurch eingeschränkt werden. Aber die Entscheidungen müssen transparent sein. Ich wünsche mir ein Covid-19Recovery- Programm, das klar an den Maßgaben des Klimaschutzes und der Circular Economy orientiert ist, wie es die EU-Kommissarin Ursula von der Leyen mit ihrem Circular Economy- Package auf den Tisch gelegt hat. Das sollte strategisch konsequent verfolgt und umgesetzt werden.

Redaktion: Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Bewusstsein für die perfekte Kreislaufwirtschaft zu schaffen. Und zwar in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Wie erreichen Sie die unterschiedlichen Zielgruppen?

Eveline Lemke: Thinking Circular arbeitet eng mit der Wissenschaft zusammen, dazu haben wir ein Netzwerk aus Partnern wie dem Deutschen Luft und Raumfahrt e. V., der unseren Wirtschaftsakteuren mit seinem Wissen zur Verfügung steht. Wir sind in der Lage, in einem digitalen Zukunftsraum Szenarien für bestimmte Veränderungen in Systemen zu modellieren und
damit der Politik gute Entscheidungsgrundlagen zu liefern. Der Szenario-Ansatz beinhaltet auch die Frage von Akzeptanz in der Gesellschaft. Alle Akteure gehören an einen Tisch. Wir
moderieren diesen Prozess. Experten bringen den Input zum digitalen Szenario ein, das gilt auch für die Digitalexperten.

Redaktion: Was sind die größten Herausforderungen dabei?

Eveline Lemke: Systemdenken ist keine geübte Disziplin. Die Methoden sind jedoch zentral und sie werden durch die Digitalisierung unterstützt. Die Klimaforschung bietet ein hervorragendes Beispiel wie das geht. Wir wollen dem Systemdenken zu einem Revival verhelfen; seit den 1970er-Jahren hatte es sich nicht weiterentwickelt. Aber nun wird es explizit von Weltorganisationen
wie der OECD, dem World Economic Forum, der UN und anderen empfohlen. Dies ist ein theoretischer Paradigmen-Wechsel in der Forschung, der auch auf Widerstand stößt. Politiker sind zwar per se Systemdenker. Ihnen fehlen allerdings oft Informationen. Diese können durch die systemischen Methoden in Szenarios übersetzt werden. So sollen die Wissenslücken geschlossen
werden und über die Transparenz der Entscheidung auch Akzeptanz auch bei der Bevölkerung ermöglicht werden. Systeme zu erklären ist sehr komplex. Die Gesellschaft braucht aber oft einfache Erklärungen. Das Systemdenken ermöglicht uns die Übersetzung.

Redaktion: Was sind Ihre größten Erfolge?

Eveline Lemke: Alle Erfolge werden gemeinsam im Netzwerk erzielt. Wir sind ein Think Tank und arbeiten auch mit den Vereinten Nationen zusammen. Erkenntnis ist zunächst ein wichtiger Erfolgsbaustein,wir tragen zu Erkenntnis und Bewusstsein für die Thematik bei. Das wirkt sich aus: Eine hoffnungsvolle Beobachtung, die ich derzeit mache, ist die, dass alle Branchen mit denen ich arbeite, wie zum Beispiel die Reifenindustrie, die Papierindustrie, die Stahlindustrie, eine neue Welt der Produktion in einer digitalen klimaschonenden Welt erdenken und die Politik zunehmend die Notwendigkeit dazu erkannt hat.

Redaktion: Wie kann die Politik den Weg in eine perfekte Kreislaufwirtschaft ebnen?

Eveline Lemke: Das Covid-19- Recovery-Programm sollte sich an den Maßgaben des Circular Economy Package der EU orientieren. Die Reifenindustrie eignet sich hier als Beispiel. Es fehlt zum Beispiel eine Richtlinie für Altreifen in der EU. Die muss schnell auf den Tisch. Reifen, die nicht runderneuerbar sind, dürften nicht in die EU importiert werden, hier macht ein Verbot Sinn.
Eine Mindestlaufleistung für alle Reifen ist eine Forderung an die Hersteller, die verändert werden kann. Wir haben für den Europäischen Verband der Runderneuerungsindustrie
BIPAVER zusammengestellt, dass 13 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden, wenn nur jeder zweite Pkw-Reifen in Europa einmal runderneuert würde. Tatsächlich lassen sich Reifen
noch viel öfter runderneuern. Das Potential ist überhaupt nicht gehoben. Die Politik könnte die Reifenrunderneuerung mit einer Imagekampagne unterstützen. Insgesamt ist eine Qualitätsstrategie zu fordern. Die Verlängerung der Lebensdauer unserer Produkte ist der erste Schritt. Und die Runderneuerungsindustrie steht aufgrund der Produktbreite von
Reifen vor einer Investitionsherausforderung. Hier kann die Politik mit dem Konjunkturprogramm wirkungsvoll unterstützen. So können auch volle Altreifenlager, die gerade überquellen,
abgebaut werden.

Redaktion: Sie sprechen die Abfallhierarchie der EU an: Die Verlängerung der Lebensdauer von Reifen zielt auf Vermeidung von Abfall ab, die Runderneuerung auf die klassische
Wiederverwertung. Die Partner der Initiative NEW LIFE fertigen unterschiedliche Recycling-Produkte aus ELT. Das ist die dritte Option gemäß EU Abfallhierarchie.

Eveline Lemke: Genau. Es gibt einen Punkt, an dem Vermeidung und die weitere Runderneuerung nicht möglich sind. Dann ist die stoffliche Verwertung der thermischen Verwertung
vorzuziehen. Speziell bei Altreifen gilt, dass die letzte Stufe der EU-Abfallhierarchie, die Deponierung, gemäß Kreislaufwirtschaftsgesetzt gar verboten ist. Spannend ist, dass die Partner
der Initiative NEW LIFE Produkte aus ELT schaffen, die oft eine längere Lebenszeit aufweisen als das Ursprungsprodukt Reifen. Man denke an Trittschalldämmungen oder Bautenschutzmatten,
die Jahrzehnte in Gebäuden verbleiben.

Redaktion: Und was wünschen Sie sich von der Gesellschaft?

Eveline Lemke: Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft mitmacht und wir auch die privaten Verbraucher erreichen. Das Wiederverwenden von Dingen, auch die Wiederverwendung
durch Runderneuerung von alten Reifen, als Selbstverständnis einer Wirtschaftskultur, die heute als „Wegwerfgesellschaft“ beschrieben wird, ist elementarer Baustein eines zirkulären Bewusstseins. Das Beispiel der runderneuerten Reifen eignet sich hier. Ich stelle mir vor, wir fahren alle runderneuerte Reifen.

Redaktion: An welchen Stellen kann die Wirtschaft noch auf dem Weg zur perfekten Kreislaufwirtschaft beitragen?

Eveline Lemke: Ausgangspunkt für den perfekten Zustand und die ewige Wiederverwertbarkeit von Gegenständen oder Materialien ist das Design, welches die Zerlegbarkeit, die Recyclingfähigkeit und die Unschädlichkeit für Natur- und Umwelt in sich tragen. Dies ist eine Innovationsherausforderung, die sich unter dem Begriff Cradle- To-Cradle verbirgt. So lange
die Designantworten jedoch nicht gefunden sind, können wir uns strategisch verbessern. Qualität ist das Stichwort, lange Lebensdauer und Reparaturfähigkeit die Antwort. Und Businesscases,
die darauf setzen, Produkte zu benutzen anstatt diese zu besitzen, bieten Anreiz für Verbraucher den Weg mitzugehen. Hier besteht noch viel ungenutzter Spielraum, den die Wirtschaft für sich entdecken kann.

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